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Spezial
Leipziger Buchmesse 2009
- Einige Impressionen
Auch dieses Jahr konnte man die große Welt der Literatur an vier Tagen in Leipzig bewundern. Auch die „kleinen Sprachen mit großen Literaten“ fanden ihren würdigen Platz bei einigen beeindruckenden Veranstaltungen in der Halle 4 der Leipziger Buchmesse. Eine wunderbare Atmosphäre, eine große Auswahl an interessanten Lesungen und Gesprächen, neugierige Besucher - man kann sich kaum mehr wünschen.
Kompliment an die Organisatoren, an die Veranstalter und natürlich an die Mitwirkenden und die Unterstützer (besonders die Robert Bosch Stiftung und TRADUKI).
Besonders erwähnenswert waren die Verantaltungen für Literaturübersetzer des Literarischen Colloqiums Berlin.
- Einige Photographien:
- Lesung/Meinungsäußerung: "Das Wespennest trifft Mazedonien"
- Lesung: Übersetzen aus Südost
- Eine Provokation
Mazedonien: Laute Fragen?????????? – „b/vulgare“ Antworten
Eine plumpe Provokation, die nicht einmal den künstlerischen Wert eines Stehklos in Brüssel hat
Kommentar zur Veranstaltung „Das Wespennest trifft Mazedonien“
von Elizabeta Lindner
Auf den Buchmessen geht es natürlich hauptsächlich um Literatur, aber manchmal geht es auch um kleinere oder größere Provokationen. Makedonien ist leider bei seinen Nachbarn immer noch eine Zielscheibe für Herausforderungen dieser Art. Die sich freidenkerisch, offen und kritisch nennende Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder „Wespennest“ aus Österreich hat die Präsentation einiger makedonischer Autoren übernommen. Zwischen den sorgfältig ausgewählten und sehr gut übersetzten literarischen Texten renommierter makedonischer Autoren wie Bogumil Gjuzel, Goran Stefanovski, Nikola Madzirov, Lidija Dimkovska, Venko Andonovski, Rumena Bužarovska, Kica Kolbe sowie die auf Albanisch schreibenden Autoren Teuta Arifi und Salajdin Salihu, (alles mit zwei Fotoserien der makedonischen Künstlerin Irena Paskali illustriert), befand sich auch der provokative Text eines Bulgaren, Milen Radev, der weder mit Literatur noch mit Geschichte oder Kultur zu tun hat. Da ging es weder um eine künstlerische Fiktion noch um eine nachweisbare oder wahre Begebenheit, sondern um die reine Propaganda eines Menschen, der die „großbulgarische Illusion“ pflegt und deswegen behaupten will, dass die Makedonier einfach „makedonische Bulgaren“, „Brüder der Bulgaren“ oder einfach irgendwie „blutsverwandt“ mit den Bulgaren seien... Weshalb es auch keine Makedonier in Makedonien gebe, sondern nur Bulgaren und makedonische Bulgaren und makedonische Griechen, Serben, Albaner... (ich weiß, auch Sie müssen Ihre Lachattacke bewältigen, mir ging es genauso).
Man kann nicht wissen, wie der Autor auf solche Ideen kommt, denn in diesem Text findet man keine Antworten oder Hinweise: Der Text basiert auf einer einfachen Spekulation, die in keiner ernsthaften wissenschaftlichen Veröffentlichung belegt ist. Der Autor hält es generell nicht für nötig, eigene Argumente nachprüfbar zu untermauern. Es wird interessanterweise allenfalls auf heute nicht mehr existierende Quellen verwiesen, wenn es darum geht, dem angeblich nicht zu überhörenden Ruf „verzweifelter Makedonier an die bulgarische Heimat“ eine laute Stimme zu geben. Die aktuelle unbürokratische Vergabe bulgarischer Pässe an EU-reisewillige makedonische Staatsbürger sieht er als natürlichen Prozess zur längst überfälligen Wiedereingliederung verirrter Schäfchen. Wie die so genannte bulgarische Abstammung überhaupt hergeleitet wird? Dies dem Leser zu vermitteln, bleibt anscheinend anderen als dem Autor selbst überlassen.
Man kann sich kaum vorstellen, dass es dieser Text zu einer Veröffentlichung geschafft hat. Man sucht vergeblich nach den Gründen dafür, und dann wird es einem klar: Es ist die plumpe Provokation, die nicht einmal den künstlerischen Wert eines Stehklos in Brüssel hat.
Die eingeladenen Autoren Nikola Madzirov, Lidija Dimkovska und Kica Kolbe, die diese Veranstaltung moderierte, fühlten sich verpflichtet, ihre Meinung darüber zu äußern, was natürlich völlig legitim und angebracht ist. Denn das war genau das, was, meiner Meinung nach, die Zeitschrift mit diesem Text und mit der entsprechend gestalteten Titelseite erreichen wollte: Reine Provokation, um mehr Exemplare zu verkaufen... Ein offenes Podium für Literatur, auf dem die Autoren ihre Meinung über einen provokativen und ver(w)irrten Text äußern... Auf diese Weise die Auflage zu steigern ist auch legitim, und die Zeitschrift lohnt sich allemal, denn dieser Text ist das einzige Manko in diesem Heft.
Was mich persönlich verwundert hat, war die Aussage des Redakteurs Herrn Famler, dass er diesen Text auf Empfehlung des renommierten und wunderbaren Autors Ilija Trojanow in diesen Band aufgenommen habe. Das konnte ich weder am 12.03. noch heute begreifen, noch werde ich es irgendwann verstehen... Natürlich werde ich Trojanows Bücher weiterhin mit Vergnügen lesen... Das Ganze hat nichts mit der schönen Literatur zu tun. Es ist eine abgekapselte, eigenartige Geschichte für sich, die sich leider weiterhin und immer wieder wiederholen wird. Bloß, ihr Platz war auf gar keinen Fall auf der wunderbaren Leipziger Buchmesse, wo die Autoren ihre literarischen Werke vorstellen sollten. Ein Bazar oder ein Stammtisch wären besser dafür geeignet.
In diesem Sinne würde ich sehr gerne auf den aktuellen Spiegel-Artikel „Mazedonien: Ein bizarrer Namenstreit mit Griechenland bedroht den inneren Frieden der Balkanrepublik“ (Nr. 12 / 16.03.09) hinweisen, wo man auf dem richtigen Ort die Antworten suchen und finden kann.
Selbstverständlich ein „Muss“ ist auch das preisgekrönte Buch „Apostoloff“ von Sybille Lewitscharoff.
